Merkste selber, ne?

Nein! Merken viele, die so angesprochen werden eben nicht!

Daher ist diese Frage eine rhetorische Frage. Bestenfalls. Merken setzt so einiges voraus. Erfahrung, kognitive Fähigkeiten, die Bereitschaft überhaupt etwas merken zu wollen und eine gewisse nicht-Abgelenktheit (neudeutsch: Aufmerksamkeit). Nachdem wir nun alle ausgeschlossen haben die unter fünf Jahre alt sind oder kognitiv eingeschränkt sind oder unwillig sind oder gerade abgelenkt geschockt / müde / betrunken / verliebt sind merken wir, wie sehr sich unsere Zielgruppe für „Merkste selber“ signifikant verkleinert hat. Auf wenige Mitmenschen. Aber der Reihe nach!

Dummheit

Für einige der oben angesprochenen Voraussetzungen – besser gesagt für deren nicht-Vorhandensein gibt es einen Begriff, der ebenso umstritten wie schwammig ist: Dummheit. Ebendiese schlicht als Abwesenheit von Intelligenz zu definieren, stellt sich schnell als Sackgasse heraus. Einen schwammigen Begriff mittels eines anderen nicht minder schwammigen Begriffs zu definieren kann sich zwar klug (ebenfalls ein schwammiger Begriff) anhören, führt aber nicht weiter. Und zu neuen Erkenntnissen schonmal gar nicht. Eine Definition fällt schwer aber einkreisen lässt sich das Phänomen schon. Es ist so ähnlich wie ein schwarzes Loch: man sieht es nicht aber durch die Beobachtung gewisser Effekte in seiner Nähe kann man es beschreiben.

Gesetzmäßigkeiten

In „The Basic Laws of Human Stupidity“ stellt der Wirtschaftshistoriker Carlo M. Cipolla fest, dass dumme Menschen mehr Einfluss auf die Gesellschaft haben als intelligente Menschen. Hauptgrund dafür ist, dass Dummheit recht laut ist und von ihr beseelte Menschen eben recht aktiv sind. Auch wenn seine Arbeit gewisse satirische Übertreibungen enthält: jeder, der schonmal eine Busreise gemacht hat oder einen Elternabend besucht hat beobachtet, dass Dummheit laut ist. Es heißt nicht umsonst „schreiende Dummheit“. Falls Sie, werte Leserin keine Kinder haben und keine Busreisen unternehmen: schauen Sie mal bei Facebook oder Twitter vorbei. Was Sie dort an himmelschreiender hemmungsloser Dummheit finden, ist kein Beweis für obige Feststellung aber Sie werden sich des Gefühls, dass da viel dran ist, nicht erwehren können.

Kleine Abschweifung: ich habe ganz bewusst vorbeischauen gesagt. Wenn Sie da bleiben, schadet Ihnen das – das muss nicht bewiesen werden denn dazu gibt es Studien. Um es mal mit einem populären TV-Philosophen zu sagen: Bringen Sie Ihr Gehirn vor solchen Dingen in Sicherheit!

Eine weitere Beobachtung von Cipolla ist, dass dumme Menschen mit Hilfe des o.g. Einflusses Leistungen und Ideen intelligenter Menschen unterdrücken, um ihre eigene Macht und Position zu stärken. Die prominenten Beispiele aus Politik, Musik, Wirtschaft, Kunst etc. hierfür sind so zahlreich, dass man durchaus erkennt: Intelligenz ist definitiv kein Kriterium für das Erreichen von Machtpositionen oder wirtschaftlichen Erfolg. Und schon gar kein Garant. Damit ist mitnichten gesagt, dass nun umgekehrt alle erfolgreichen Menschen dumm sind. Es ist aber gesagt, dass Intelligenz als Voraussetzung oder gar Kriterium für Bestätigung oder Erfolg definitiv ausscheidet. Das zu akzeptieren fällt nicht leicht, denn viele von uns sind so sozialisiert dass sie das zunächst nicht glauben können.

Wie oft hat uns der Lehrer, der Kalenderspruch, die Eltern, die Oma etc. gesagt: „Der Klügere gibt nach!“. Es ist trivial, aber wir sollten uns bewusst machen: Wenn die Klügeren nachgeben, dann regieren irgendwann die Dummen. Weil dieser Spruch schon so lange befolgt wird, kann das „irgendwann“ im Satz vorhin ersatzlos gestrichen werden, denn es ist schon längst passiert. Es kann vermutet werden, dass dieses sehr lange anhaltende Nachgeben für wesentliche Teile der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir jetzt leben, verantwortlich ist.

3:0 für Dumme

Der dumme Mitmensch ist in vielfacher Hinsicht gegenüber allen anderen im Vorteil: Zum einen leidet er nicht unter seiner Dummheit, denn sie ist ihr oder ihm nicht bewusst. Zum anderen leiden hingegen seine Mitmenschen – und je nach Situation kann sie das sehr schwächen. Diese beiden Aspekte des Dumm-Seins finden eine frappierende Parallelität im Tot-Sein – aber das nur am Rande. Keine Win-win-Situation, sondern 2.0 für Dumme!

Der größte Vorteil jedoch ist laut Cipolla die Tatsache, dass Dummheit nicht nur weit verbreitet ist, sondern eine fast einzigartige Eigenschaft hat: sie ist nahezu unverwundbar und kann kaum bekämpft werden. Diese Resilienz der Dummheit ist wahrscheinlich der eigentliche Schlüssel zu ihrem weltweiten und andauernden Erfolg. Es gibt kaum etwas das eine wehrhafte Gesellschaft organisieren kann, um der allgegenwärtigen Dummheit Einhalt gebieten zu können. Krankheiten können mit Medizin bekämpft werden. Kriminalität mit Legislative und Exekutive. Feudalismus mit Aufklärung. Sklaverei mit einer liberalen Verfassung. Falschparker mit Denunzianten und/oder dem Ordnungsamt. Sogar der Konsum von Alkohol (für viele irgendwo zwischen Grundnahrungsmittel und fundamentalen Menschenrechten angesiedelt) wurde mal bekämpft – wenn auch wenig erfolgreich.

Die 3:3 Vision

Nun leben wir bekanntlich in Zeiten, in denen an schlechten Nachrichten kein Mangel besteht. Die Schilderungen in diesem kleinen Artikel bilden bedauerlicherweise keine Ausnahme. Schlechte Nachrichten für nicht-Dumme! Und für die andere Gruppe besteht – wie oben dargelegt – so viel Betroffenheit wie für jemand der entweder noch nicht geboren wurde oder bereits tot ist. Was also tun?

Obwohl Dummheit eine Sache ist, die tief in alle Winkel der uns umgebenden Lebensumstände eingesickert ist und niemand einen nachhaltigen Sieg gegen sie erringen kann hat sie viele Brüder, Schwestern und leider auch Kinder:

Intoleranz, Arroganz, Hass, Rassismus, Fundamentalismus aller Religionen, Faschismus, Ignoranz, Machtmissbrauch, Habsucht.

Diesen nahen Anverwandten, diesen Fassetten der Dummheit im Alltag entgegenzutreten ist nicht immer leicht. Aber es hilft die Macht der Dummen ein klein wenig einzuhegen.

Und nein, der Klügere gibt nicht nach! Die Klügere auch nicht.

Quellen/Buchempfehlungen:
Carlo Maria Cipolla „The Basic Laws of Human Stupidity“ (1987)
Michael Schmidt-Salomon „Keine Macht den Doofen“ (2012)

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